Aus: Focus, Ausgabe Nr. 49

Das andere "Hotel Ruanda"

Bloß den nächsten Globalisierungstrend nicht verpassen!

Also auf ins aufstrebende ostafrikanische Ländchen Ruanda

Mzungu heißt „weißer Mensch“ in Ruandas Landessprache Kinyarwanda. Ursprünglich stand die Vokabel mal für „fremdartig“, „sonderbar“ oder „Idiot“. (...) Ruanda, das ist für die meisten Europäer nur das Lande der zwei Gs – der Gorillas und der Genozids. Das Land aus dem Kinofilm „Hotel Ruanda“, der Hollywood-Version des Bürgerkriegsmassakers von 1994, bei dem Hutu mehr als 800 000 Tusuti ermordeten.

Bürgerkriegsmassakers von 1994, bei dem Hutu mehr als 800 000 Tusuti ermordeten. Ausgerechnet der bettelarme Flecken Erde neben den öl- und goldreichen Unruheherden Kongo und Uganda wird indes neuerdings als „Hotspot“ auf Investoren-Websites gepriesen – und das klingt noch aberwitziger als die alten Afrika-Klischees. „Das aufstrebende Ruanda“ entdeckte jüngst das US-Magazin „Time“, das Londoner Intellektuellenblatt „Monocle“ pries das „Buisness-Drehkreuz der Subsahara“. Ruanda selbst beschwärmt als „afrikanische Schweiz“ oder „Afrikas Silicon Valley“. (...) Es hat sich herumgesprochen, dass das Land derzeit auf dem Einkaufszettel internationaler Konzerne steht. (...) Vom warmen Willkommen für Investoren kündigt schon die „CIP“-Lounge für „Commercial Important Persons“ am Flughafen. „CIP“-Salons gibt es auch in unbeliebteren Gegenden wie Karachi und dem Iran. Dabei kann sich Ruanda längst aussuchen, mit wem es seine Deals macht. (...) Der Präsident Paul Kagame sieht sich selbst gern als CEO – mit renditeorientierten und manchmal unorthodoxen Methoden. So initiiert er den monatlichen Putztag „Umuganda“, bei dem jeder Ruander zum Großreinemachen antreten muss. Bosse und Minister inklusive. Er richtet eine monatliche Pressefragestunde ein, der sämtliche Radiobesitzer im Land live lauschen. (...) Der junge Amerikaner James Dagan aus South Carolina will demnächst Kigalis Upper Class mit French Cuisine beglücken. Das Lokal liegt im Diplomatenviertel, auch Kagame hat hier ein Domizil. Der junge Amerikaner versichert, er wolle „dem Land helfen“.(...) Weil Ruanda die meisten Güter importieren muss, kostet ihn und seine Finanziers der Restaurantbau stolze 150.000 Dollar. Solche Widrigkeiten schrecken manch deutsche Entrepreneure nicht ab. So jettet der Münchner Architekturprofessor Roland Diederle seit 2004 beinahe jeden Monat nach Kigali. Im Regierungsauftrag baut er ein Kongresszentrum in Kigali und ein Luxusresort am Kivu-See. Ruanda, dessen Landschaft der Schriftsteller Ryszard Kazpuscinski als „Märchenwelt von Wäldern und See“ beschrieb, hofft auf prosperierenden Ökotourismus. Dieterle, bedächtiger Intellektueller mit Silberhaar, ist schwer beeindruckt, „wie sich die Ruander selbst aus dem Sumpf ziehen“.

Auch Hubertus Vallendar, aus der Eifel angereister Schapsbrenner, möchte „hier etwas bewegen“. Freunden daheim zum Trotz, die ihm attestierten: „Der spinnt komplett.“ Vallendar schwebt vor, eine Bananen-Spitituosenproduktion „mit Weltstandard“ aufzubauen. Geldgeber aus Germany sind dennoch wohlgelitten, und das liegt vornehmlich an Eugène Gasana, Ruandas Botschafter in Berlin und gut vernetzter Strippenzieher. Der elegante Diplomat mit pfiffigem Verkaufstalent hat ein Händchen dafür, die richtigen Allianzen zu schmieden.